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Umsetzung in Deutschland



 

Im Kern der Umstellung des universitären Bildungssystems stand in den vergangenen zehn Jahren der Bachelor als erster berufsqualifizierender Abschluss. Die aus der Bologna-Deklaration von 1998 übrigens nur hierzulande so erfolgte Ableitung einer unbedingten Forderung nach Beschäftigungsfähigkeit der Hochschulabsolventen hat eine fast vollständige Transformation des universitären Auftrags nach sich gezogen: weg von der allgemeinen Menschenbildung durch Wissenschaft, hin zur Berufsausbildung.

In Deutschland wurde der Bologna-Prozess zum Anlass genommen, das Hochschulsystem nicht nur auf international vergleichbare Abschlüsse umzustellen und die (internationale) Mobilität der Studierenden durch die Einführung des ECTS zu erleichtern, sondern zugleich die größte Studienreform der Nachkriegsgeschichte durchzusetzen. Ein Kernelement der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses bestand darin, dass für die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge ein Akkreditierungsverfahren nach US-amerikanischem Vorbild eingeführt wurde. Die Anforderungen an die akkreditierungsfähige Studiengänge wurden von der KMK festgelegt. Zu den Kernelementen dieser Strukturvorgaben gehören:

- Der akademische Abschluss des 1. Zyklus heißt Bachelor oder Bakkalaureus, der Abschluss des 2. Zyklus heißt Master oder Magister, jeweils ergänzt um eine fachbereichsspezifische Angabe (of Arts, of Science, der Wissenschaften etc.).

- Bachelor- und Masterstudiengänge können sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen eingerichtet werden.

- Die Regelstudienzeit für Bachelorstudiengänge beträgt sechs bis acht Semester (180240 LP) und für Masterstudiengänge zwei bis vier Semester (zusätzlich 60120 LP).

- Bei konsekutiven Studiengängen darf die Gesamtregelstudienzeit höchstens zehn Semester (300 LP) betragen, was üblicherweise durch einen sechssemestrigen Bachelor- und einen darauf aufbauenden viersemestrigen Masterstudiengang umgesetzt wird.

- Die Studierbarkeit des Lehrangebots ist in der Akkreditierung zu überprüfen.

- Zur Akkreditierung eines Bachelor- oder Masterstudiengangs ist nachzuweisen, dass der Studiengang modularisiert und mit einem Leistungspunktsystem ausgestattet ist.

- In Bachelorstudiengängen werden wissenschaftliche Grundlagen, Methodenkompetenz und berufsfeldbezogene Qualifikationen vermittelt.

- Masterstudiengänge sind nach den Profiltypen stärker anwendungsorientiert und stärker forschungsorientiert zu differenzieren.



 

Dabei wurde die Vergabe von Diplom- und Magisterabschlüssen bis auf wenige Ausnahmen abgeschafft. Die Umstellung der Studiengänge mit Staatsexamen (Lehramt, Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie, Lebensmittelchemie und Rechtswissenschaft) befinden sich in den meisten Bundesländern 2010 noch in der Anfangs- oder Planungsphase.

 

Während die ersten Akkreditierungsverfahren für Bachelor- und Masterstudiengänge noch relativ lax gehandhabt wurden, um die Umstellung auf die gestuften Studiengänge zu beschleunigen, haben die Akkreditierungsagenturen die Anforderungen an die Studiengänge sukzessive gesteigert und gehen z. T. erheblich über die Anforderungen des Hochschulrahmengesetzes (HRG) und der KMK-Beschlüsse hinaus. Insbesondere haben die Akkreditierungsagenturen die Tendenz entwickelt, die Anforderungen an die Arbeitsbelastung (workload) der Studierenden zu steigern.

 

Die Zielvorgabe der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses beträgt, dass Studierenden im Jahr 1.800 Arbeitsstunden für ihr Studium aufzuwenden haben. Diese Arbeitsbelastung ergibt sich daraus, dass Studierende 40 Stunden pro Woche für ihr Studium aufwenden sollen und dies in 45 Wochen das Jahres, d. h. es werden etwa 6 Wochen Urlaub pro Jahr zugestanden, hinzu kommen akkumuliert die gesetzlichen Feiertage.[10] Daraus folgt, dass pro Semester 30 Leistungspunkte (LP) zu erwerben sind und dass pro Leistungspunkt von einem durchschnittlichen Studenten 30 Arbeitsstunden aufgewendet werden, die sich auf Präsenzzeiten, Prüfungszeiten, Selbststudium und Praktika aufteilen. Da das ECTS in der Regel so umgesetzt wird, dass Teilnoten durch studienbegleitende Modulprüfungen und gewichtet nach zugeordneten Leistungspunkten erworben werden, verteilt sich die Prüfungsbelastung gegenüber früheren Diplom- und Magisterstudiengängen mit ihren Zwischen- und Abschlussprüfungen deutlich anders und wird oft als höher wahrgenommen.

 

Bei der Berechnung des Workloads wird davon ausgegangen, dass Studierende weder erwerbstätig sind (jobben oder als Werkstudenten arbeiten) noch erhebliche Zeitanteile für gesellschaftliches, politisches oder familiäres Engagement aufwenden. Gegenüber früheren Diplom- oder Magisterstudiengängen, in denen lediglich die oft freiwilligen Präsenzzeiten von 20 bis 30 Semesterwochenstunden ausgewiesen wurden, die zum Teil nicht prüfungs- oder endnotenrelevant waren, wurde durch den Bologna-Prozess in vielen Studiengängen die Arbeitsbelastung oder zumindest der Leistungsdruck erhöht.

 

Am 15. Dezember 2010 wurde mit der Änderung des Hochschulgesetzes in Mecklenburg-Vorpommern von der Landesautonomie Gebrauch gemacht und den Hochschulen wieder erlaubt, den akademischen Grad des Diplom-Ingenieurs zu verleihen.[11] Das bedeutet konkret die Bestätigung für diejenigen Technischen Universitäten (in Sachsen auch die Fachhochschulen[12]), die den Abschluss als Diplom-Ingenieur nicht abgeschafft haben.

 

Das Bachelor/Master-System verlängert die Ausbildungszeit für Grund- und Mittelschullehrer. Weil die Zahl der Studierenden deshalb kleiner geworden ist und Lehrermangel droht, wird Sachsen zum bisherigen vierjährigen Studium mit dem Staatsexamen als Abschluss zurückkehren.





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